Zwischen Dankbarkeit und Dürre – Erntedank neu denken

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Solchen Mais hatte ich tatsächlich noch nie gesehen. Der Kolben: kaum dicker als mein kleiner Finger. Die Pflanzen waren zwar irgendwie in die Höhe geschossen, aber das Feld wirkte kahl, kraftlos, fast gespenstisch. Eigentlich war es nur ein ganz entspannter Spätsommer-Spaziergang in meinem Heimatdorf in der Lüneburger Heide. Aber an diesem Acker blieb ich wie angewurzelt stehen.

Es ist eben doch etwas völlig anderes, in den Nachrichten von Rekord-Dürren zu hören, Bilder vom ausgetrockneten Rhein zu sehen oder auf Instagram durch Fotos von rissigen Böden in Südfrankreich zu scrollen – oder aber direkt davorzustehen. Mit Händen zu greifen, was Regenmangel wirklich bedeutet. Die Ernte hat ihre Selbstverständlichkeit verloren.

Am ersten Sonntag im Oktober feiern wir wieder Erntedank. Kirchengemeinden schmücken ihre Altäre mit Äpfeln und Birnen, mit Kartoffeln, Brot und bunten Blumen. Kita-Kinder basteln farbenfrohen Schmuck für den Altarraum. Im Gemeindehaus duftet es nach Kürbissuppe. Ich liebe diese Tradition. Ich liebe die festlich geschmückten Kirchen, die so viel Lebensfreude, Reichtum und unbeschwerte Fülle ausstrahlen.

Doch in Zeiten spürbarer Klimaveränderungen bekommt dieses Fest einen neuen, ernsteren Klang.

Wir merken es zuerst im Supermarktregal: Erst schießt der Preis für Olivenöl durch die Decke, dann verteuert sich der Orangensaft, plötzlich macht der Espresso an der Bar einen satten Preissprung. Hinter all dem stehen vertrocknete Haine, verbrannte Plantagen und reale Ernteausfälle. Bei uns tut das im Portemonnaie weh. In anderen Teilen der Welt geht es schlicht um die Existenz – dort sind Grundnahrungsmittel auf einmal gar nicht mehr zu bekommen.

Erntedank lädt uns ein, das Geerntete wieder wertzuschätzen, statt es gedankenlos zu verbrauchen. Es ist kein nostalgisches Brauchtumsfest aus der Vergangenheit, sondern eine ethische Auseinandersetzung für unsere Zukunft.

In der Evangelischen Agentur bieten wir ganz konkrete Maßnahmen an:

Es sind konkrete Schritte in einer Kirche, die weiß: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben*.“

Einen bewussten, dankbaren und gesegneten Erntedanktag wünscht Ihnen:

Ihr Mirko Peisert

 

* Liedzitat aus „Die Erde ist des Herrn“; Text: Winfried Pilz, Melodie: Peter Janssens (1985), © peter janssens Musik Verlag, Telgte.