„Wer Verantwortung für ein Unternehmen übernimmt, sollte nicht dafür bestraft werden.“ Die selbstständige Modedesignerin Stefanie Gornicki erlebte in der Schwangerschaft die harten Lücken im System. In einem Interview mit Annelies Bruhne aus dem Team Arbeit und Wirtschaft der Evangelischen Agentur spricht sie über Existenzängste, falsche Versprechen der Freiheit und ihren Kampf für einen gerechten Mutterschutz für Selbstständige.
Sie sind Designerin und gestalten normalerweise handgefertigte Mode – aber aus Gründen auch politische Symbole wie die sechsarmige „Justitia ohne Mutterschutz“. Wann haben Sie gemerkt, dass Design allein nicht mehr ausreicht und Sie anfangen müssen, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten?
Ich habe mein Modelabel Dörpwicht gegründet, weil ich zeigen wollte, dass Mode auch mit erheblich kürzeren Wegen funktionieren kann – regional, fair, transparent und nachhaltig. Für mich war Design schon immer mehr als nur Kleidung. Es ist eine Möglichkeit, Haltung zu zeigen und mit diesem Konzept auch gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen.
Während meiner Schwangerschaft habe ich dann selbst erlebt, was es bedeutet, als Selbstständige kein echtes Sicherheitsnetz zu haben. Ich habe bis kurz vor der Geburt gearbeitet, weil ich wusste: Wenn ich aufhöre, steht nicht nur mein Einkommen, sondern mein gesamtes Unternehmen auf dem Spiel. Nach einer traumatischen Geburt saß ich bereits wenige Tage später – mit einem Schwimmring – wieder am Schreibtisch und an der Nähmaschine. Nur wenige Wochen später stand ich mit meinem neugeborenen Sohn wieder auf einer Messe und habe zwischen Kundengesprächen gestillt.
Mir wurde klar: Es reicht nicht, nachhaltige Mode zu entwerfen, wenn gleichzeitig Frauen aufgrund fehlender sozialer Absicherung vor die Entscheidung gestellt werden, ob sie sich für ihr Unternehmen oder für ein Kind entscheiden müssen.
Die sechsarmige „Justitia ohne Mutterschutz“, die ich gemeinsam mit meinem Mann im Rahmen der Arbeit unseres Vereins entwickelt und gebaut habe, entstand genau aus diesem Gefühl heraus. Sie soll sichtbar machen, was sonst oft unsichtbar bleibt: die Mehrfachbelastung selbstständiger Mütter und die strukturelle Ungerechtigkeit, mit der sie täglich leben müssen.
Design kann Aufmerksamkeit schaffen – doch echte Veränderung entsteht erst, wenn wir diese Aufmerksamkeit nutzen, um gesellschaftlich und politisch etwas zu bewegen.
Sie haben selbst erlebt, wie es ist, noch kurz vor der Geburt zu arbeiten. Viele Menschen verbinden Selbstständigkeit mit Freiheit – Sie sprechen von einer strukturellen Absicherungslücke. Was ist aus Ihrer Sicht das größte Missverständnis, das die Gesellschaft über selbstständige Mütter hat?
Das größte Missverständnis ist, dass Selbstständigkeit automatisch bedeutet, frei zu sein und jederzeit selbst entscheiden zu können. Tatsächlich bedeutet sie jedoch vor allem Verantwortung – und unzählige Gedanken, die im Kopf ununterbrochen auf Dauerschleife laufen.
Ein Satz, den viele selbstständige Frauen immer wieder hören, lautet: „Dann hättest du dich eben besser absichern müssen.“ Doch so einfach ist es leider nicht. Genau das ist eines der größten Missverständnisse. Viele Zusatzversicherungen schließen Leistungen rund um Schwangerschaft und
Mutterschutz aus oder bieten nur eine unzureichende Absicherung. Oft wird einem erst im Ernstfall bewusst, wo die Lücken im System liegen. Dass sich so viele selbstständige Frauen heute für Veränderungen einsetzen, zeigt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt.
Auch die Suche nach Beratung ist häufig ernüchternd. Viele Frauen berichten, dass sie als Selbstständige durch bestehende Beratungsangebote fallen oder lediglich den Rat erhalten, ausreichend Rücklagen zu bilden. Natürlich sind Rücklagen wichtig – aber sie sind keine Lösung für ein strukturelles Problem. Eine Schwangerschaft lässt sich nicht immer planen, und gerade kleine Unternehmen können unerwartete wirtschaftliche Rückschläge erleben. Rücklagen, die über Jahre aufgebaut wurden, können dadurch innerhalb kurzer Zeit aufgebraucht sein.
Viele Selbstständige können ihre Arbeit nicht einfach pausieren. Die Miete für Geschäftsräume läuft weiter, ebenso Versicherungen, Kredite, Gehälter und viele weitere betriebliche Kosten – unabhängig davon, ob gerade ein Kind geboren wurde. Wer mehrere Wochen oder Monate ausfällt, riskiert oft seine wirtschaftliche Existenz.
Ich habe selbst erlebt, wie man trotz schwerer Geburtsverletzungen, Schlafmangel und großer körperlicher sowie psychischer Belastung einfach weitermacht, weil man keine Alternative sieht. Viele Frauen funktionieren in dieser Zeit nur noch. Erst Monate oder sogar Jahre später wird einem bewusst, welche körperlichen und seelischen Folgen diese Zeit tatsächlich hinterlassen hat.
Deshalb geht es beim Mutterschutz für Selbstständige nicht um ein Privileg. Es geht um Chancengleichheit. Niemand sollte sich zwischen dem eigenen Unternehmen und der eigenen Gesundheit oder dem Wohl seines Kindes entscheiden müssen.
Stellen wir uns vor, wir führen dieses Interview in der Zukunft, wo Mutterschutz für Selbstständige selbstverständlich ist. Woran würden Sie merken, dass sich nicht nur Gesetze geändert haben, sondern auch die Arbeitskultur und der Blick auf Unternehmertum und Elternschaft?
Ich würde es daran merken, dass eine Schwangerschaft bei einer selbstständigen Frau nicht mehr zuerst Existenzängste auslöst.
Dass Unternehmerinnen nicht mehr überlegen müssen, ob sie sich ein Kind überhaupt leisten können. Dass sie ohne schlechtes Gewissen eine Pause machen dürfen, weil sie wissen, dass ihr Unternehmen diese Zeit überstehen kann. Und ich bin überzeugt, dass wir dann auch mehr Gründerinnen hätten. Denn ich kenne viele Frauen, die nach der Geburt ihr Unternehmen aufgegeben haben oder sich gegen eine Selbstständigkeit entschieden haben, weil Familie und Unternehmertum unter den aktuellen Bedingungen kaum vereinbar sind.
Ich glaube außerdem, dass sich dadurch langfristig auch die Chancengleichheit verbessern würde. Solange Frauen aufgrund einer möglichen Schwangerschaft als wirtschaftliches Risiko wahrgenommen werden, hat das Auswirkungen – auf Karrierewege, auf Verantwortung und auf Vertrauen.
Nehmen wir eine Rechtsanwältin in einer Kanzlei: Wenn unausgesprochen davon ausgegangen wird, dass sie im Falle einer Schwangerschaft ohnehin längere Zeit ausfällt, besteht die Gefahr, dass wichtige Mandate oder Entwicklungsmöglichkeiten lieber anderen übertragen werden. Nicht aus bösem Willen, sondern weil das System genau diese Unsicherheit schafft. Eine verlässliche Absicherung würde solche Denkweisen langfristig verändern.
Und ich würde es daran merken, dass wir nicht mehr über Einzelfälle sprechen müssten. Heute höre ich immer wieder dieselben Geschichten – von Frauen aus den unterschiedlichsten Branchen. Viele arbeiten bis zur völligen Erschöpfung weiter, viele geben ihr Unternehmen auf, andere verschieben ihren Kinderwunsch oder entscheiden sich ganz dagegen. Das darf in einem Land wie Deutschland nicht die Realität sein.
Für mich wäre echter Fortschritt erreicht, wenn Mutterschutz für Selbstständige genauso selbstverständlich wäre wie für Angestellte – und wenn Unternehmertum und Elternschaft endlich nicht mehr als Widerspruch gesehen würden. Frauen leisten mit einer Schwangerschaft und Geburt körperlich Außergewöhnliches. Dass viele von ihnen gleichzeitig aus finanzieller Not heraus ihr Unternehmen weiterführen müssen, zeigt, dass hier etwas grundlegend nicht stimmt.
Wer Verantwortung für ein Unternehmen übernimmt, sollte nicht dafür bestraft werden, Verantwortung für eine Familie übernehmen zu wollen.