Die biblischen Schöpfungsberichte im Ersten Buch Mose (Genesis) erzählen vom Wunder des Lebens auf unserem Planeten. Bemerkenswert ist: Die biblische Erzählung setzt nicht beim Menschen ein, sondern bei der Entstehung der Welt selbst. Aus heutiger naturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich sagen, dass bereits minimale Abweichungen in den Anfangsbedingungen die Entstehung von Leben unmöglich gemacht hätten. Und doch ist Leben entstanden – vielfältig, dynamisch und in kaum überschaubarer Fülle.
Diese Fülle bezeichnen wir heute als Biodiversität. Der Begriff mag technisch klingen, doch er beschreibt letztlich nichts anderes als die unfassbare Vielfalt des Lebens, die uns umgibt – und die uns existentiell trägt. Theologisch gesprochen ist Biodiversität Ausdruck von Gottes schöpferischer Freiheit und Kreativität. Die Vielfalt des Lebens verweist über sich hinaus auf den Schöpfer selbst.
Gottes Lebensvielfalt
Die biblischen Texte wollen dabei keine naturwissenschaftlichen Erklärungen liefern. Vielmehr deuten sie die Welt als Schöpfung und fragen nach dem Verhältnis des Menschen zu ihr. Im zweiten Schöpfungsbericht wird der Mensch (hebräisch: Adam) aus Erde (Adamah) geformt. Diese sprachliche Nähe macht deutlich: Der Mensch ist untrennbar mit der Erde verbunden. Er ist nicht ihr Gegenüber im Sinne eines Beherrschers von außen, sondern Teil von ihr.Zwar erhält der Mensch den Auftrag, über die Tiere zu „herrschen“ (Gen 1,28), doch ist dieses Herrschen im biblischen Kontext als fürsorgliche Verantwortung zu verstehen, nicht als Ausbeutung. Der Mensch wird als „Gärtner“ der Schöpfung eingesetzt (Gen 2,15): Er soll sie „bebauen und bewahren“. Darin liegt ein ethischer Auftrag, der heute aktueller ist denn je.
Sündenfall und menschliche Zerstörung
Die biblischen Urgeschichten verschweigen nicht, dass der Mensch diesem Auftrag oft nicht gerecht wird. Mit der Erzählung vom sogenannten Sündenfall (Gen 3) wird deutlich: Der Mensch überschreitet Grenzen, indem er sich selbst zum Maß aller Dinge macht. Die Folge ist eine gestörte Beziehung – zu Gott, zu den Mitmenschen und zur übrigen Schöpfung. Diese gestörte Beziehung zeigt sich unmittelbar in der Geschichte von Kain und Abel (Gen 4): Gewalt und Zerstörung prägen das menschliche Handeln. Auch die Sintfluterzählung (Gen 6–9) beschreibt eine Welt, in der die Bosheit des Menschen überhandnimmt und die Schöpfung insgesamt in Mitleidenschaft gezogen wird.
Theologisch lässt sich dies als Ausdruck einer „gebrochenen Schöpfung“ verstehen: Die ursprüngliche Harmonie ist gestört. Auch heutige ökologische Krisen – Artensterben, Klimawandel, Lebensraumverlust – können in diesem Licht gesehen werden: als Folgen menschlicher Maßlosigkeit und Entfremdung von der eigenen Mitgeschöpflichkeit.
Gottes Bund mit der ganzen Schöpfung
Doch die biblische Botschaft bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Nach der Sintflut schließt Gott einen Bund – nicht nur mit den Menschen, sondern ausdrücklich mit allen Lebewesen. Dieser sogenannte noachitische Bund ist von grundlegender Bedeutung: Er umfasst die gesamte Schöpfung. Tiere sind nicht nur Nutzwesen des Menschen, sondern eigenständige Geschöpfe mit Würde vor Gott.
Die Regenbogen-Verheißung wird so zum Zeichen einer universalen, alle Lebewesen einschließenden Treue Gottes. Daraus ergibt sich eine klare ethische Konsequenz: Wer sich zu diesem Gott bekennt, ist aufgerufen, auch die Mitgeschöpfe zu achten und zu schützen. Der Mensch steht nicht außerhalb der Schöpfung, sondern in einem Beziehungsgeflecht, das ihn mit allem Lebendigen verbindet.
Sich vertraut machen – eine Haltung der Achtsamkeit
Einen anschaulichen Zugang bietet Antoine de Saint-Exupéry in seinem Werk „Der kleine Prinz“. Dort beschreibt der Fuchs das „Zähmen“ als ein „Sich-vertraut-Machen“. Beziehung entsteht durch Zeit, Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit. Übertragen auf unseren Umgang mit der Natur bedeutet das: Biodiversität erschließt sich nicht allein durch Wissen, sondern durch Beziehung. Wer sich auf die Vielfalt des Lebens einlässt, beginnt sie anders wahrzunehmen – nicht als störend, sondern als bedeutsam.
Lebensvielfalt in der Kirchengemeinde
Diese theologischen Einsichten bleiben nicht abstrakt, sondern haben konkrete Konsequenzen für das Handeln von Kirchengemeinden. Die Förderung von Biodiversität wird so zu einem Ausdruck gelebter Schöpfungsverantwortung.
Viele Gemeinden engagieren sich bereits aktiv: Kirchliche Umweltteams beraten bei der naturnahen Gestaltung von Flächen, etwa bei der Umwandlung artenarmer Rasenflächen in blühende Lebensräume. Friedhöfe können zu wichtigen Rückzugsorten für Insekten, Vögel und Kleinsäuger werden. Solche Projekte sind mehr als ökologische Maßnahmen. Sie sind sichtbare Zeichen eines verantwortlichen Umgangs mit der Schöpfung und Ausdruck eines Glaubens, der die Welt als Gabe Gottes versteht.
Sophie Schäfer